Los gehts

Los gehts

In der Vergangenheit bestand ein besonderes Talent von Charles Morgan bekanntlich darin, mit revolutionären Ideen wie dem Life-Car, bei dem sogar ernsthaft über einen Wasserstoffantrieb reflektiert wurde, die kleine Manufaktur in Malvern Link an den Rand des Ruins zu treiben. Oder mit so abstrusen Vorhaben wie dem Einstieg in die LMP2-Rennserien dieser Welt. Das ist zum Glück für alle Freunde der Marke vorbei. Jetzt führt Steve Morris das Unternehmen, was bei den meisten tatsächlichen sowie potenziellen Besitzern dazu führt, dass sie wieder etwas beruhigter schlafen können.

EV3 - ohne V2-Motor

EV3 – ohne V2-Motor

Die Kernfrage jedoch bleibt: Wie soll es denn nun bei Morgan weitergehen? Einerseits wird die Umweltgesetzgebung in vielen Absatzmärkten rigoroser, wenn es um Reduzierung der Schadstoffe oder den Umgang mit fossilen Brennstoffen geht. Themen wie Flottenverbrauch oder CO²-Steuer machen heute auch vor einem Morgan nicht halt. Andererseits ist die über Jahrzehnte treue Fan-Gemeinde sehr konservativ und hängt mit Herzblut an ihren skurrilen Oldies. Dies musste Morgan erstmals schmerzhaft erfahren, als der Plus4Plus Morgans Modell-Zukunft einläuten sollte. Ein durchaus ansehnlicher Wagen, der sich optisch ein wenig an Lotus orientierte. Er wurde ein Mega-Flop, während sich die traditionellen Modelle, die er an sich irgendwann ablösen sollte, bis heute gehalten haben. Was bedeutet das? Ausnahmsweise könnte man bei Morgan zum Beispiel darüber nachdenken, was der treuen Anhängerschar zuzumuten wäre – oder sie vielleicht gar einmal fragen…

Denn ein Morgan ohne seinen traditionellen Habitus; ohne das Gefühl, eigentlich einen Oldtimer zu fahren; ohne den unverwechselbaren Sound aus seinem (Sport-)Auspuff; ohne den stets präsenten Geruch der Historie – lang ließe sich diese Auflistung fortführen – wäre an sich schon eine Zumutung… Und damit befindet sich die kleine Markenschmiede durchaus in einem Dilemma, für das auch ich kein Patentrezept präsent habe.

Mister secretary Sajid Javid MP beim Ortstermin

Mister secretary Sajid Javid MP beim Ortstermin

Wenigstens finanziell scheint das Risiko für den ernsthaften Einstieg in neue Antriebstechnologien wie Hybrid- oder reinen Elektro-Antrieb überschaubar, da in einem kleinen Unternehmen wie Morgan mit einem Zuschuss von 6 Millionen Pfund aus staatlichen Fördertöpfen schon sehr viel bewegt werden könnte. Im Konzert der Großen der Branche ist das natürlich nur ein Zuschuss für die Portokasse, aber bei Morgan…?

Nachdem sich bereits 2012 auf dem Genfer Automobilsalon der Prototyp eines Morgan Plus E präsentierte, der eher für Lacher als für echte Aufmerksamkeit sorgte, wurde im letzten Jahr beim Festival of Speed in Goodwood ein elektrisch angetriebener ThreeWheeler vorgestellt. Mit eigenen Augen haben wir ihn auf dem Werksgelände herumfahren sehen, als wir im Mai 2015 dort für unser gerade erschienenes Buch recherchierten. Dieses Dreirad sah noch relativ traditionell aus. Eine Probefahrt gelang uns leider nicht, aber der heimelige V2-Twin mit seinem charakteristischen Schütteln nach dem Betätigen des Anlassers würde uns wahrscheinlich doch fehlen.

Von hinten ist der Motor ohnehin nichts zu sehen

Von hinten ist der Motor ohnehin nichts zu sehen

Was zurzeit an Bildern vom EV3 im Netz herumgeistert, hat außer der Bauform mit einem klassischen ThreeWheeler wenig gemein. Der Wagen sieht eher so aus, als wäre er für einen Geschwindigkeits-Rekordversuch auf dem Salzsee von Utah konzipiert.

Übrigens sollen diesmal zunächst 10 ausgewählte Kunden den Wagen einem Praxistest unterziehen, bevor eine Entscheidung darüber fällt, ob er überhaupt in Serie gehen wird.

In seiner gesamten Historie hat Morgan bekanntlich noch nie einen Motor selbst gebaut. Und daran wird sich sicher auch im Hybrid- und E-Zeitalter nichts ändern, denn als Technologie- und Entwicklungspartner sind diesmal Delta Motorsports und Potenza Technology gewonnen worden. Bereits ab 2019 sollen die neuen Modelle auf dem Markt erhältlich sein.

An Fahrdynamik mangelt es nicht

An Fahrdynamik mangelt es nicht

Natürlich sind Hybrid-Antriebe aus dem Motorsport nicht mehr wegzudenken und auch die Formal E gewinnt immer mehr Anhänger, aber – wie bereits gesagt: Behaltet auch Eure angestammte Klientel im Auge… Im Prinzip ist „E“ wie der Relaunch einer traditionellen Tageszeitung zu werten. Auch dort führen eher Evolutionen als Revolutionen zum angestrebten Ziel.

Und der Schritt vom Saugmotor – unter Umgehung der Turbo-Technologie – hin zum Hybrid- und E-Antrieb ist schon eine veritable Revolution. Aber wie wir Morgan kennen, wird es bestimmt eine „Final Edition“ der traditionellen, mit Saugmotoren bestückten Modelle geben. Dabei hoffen wir, dass sie auf mindestens 10.000 Einheiten „limitiert“ sein wird… So lange wird sicherlich bei den Traditionalisten der Umgewöhnungs-Prozess mindestens dauern. Und ob – wie das Werk erwartet – ganz neue Käuferschichten erreicht und die Produktion deutlich ausgeweitet werden können, wird die Zukunft zeigen.

Instrumente des EV3

Instrumente des EV3

Zu unserem Glück ist ein Morgan ja für die Ewigkeit gebaut, sodass wir noch lange Freude an unseren „Schätzchen“ haben werden.