Drophead Coupé halb geöffnet

Morgan Drophead-Coupé – ein (Bei-)Fahrbericht

Als Journalisten lieben wir Fahrberichte – vor allem von exklusiven, seltenen Automobilen. Autos, die man höchstwahrscheinlich nie selbst besitzen wird, die aber etwas ganz Besonderes darstellen. Wie z.B. das 1948er Morgan Flat Rad Serie 1 Drophead Coupé der Familie Victor aus der Eifel. Die Aussicht, diesen wunderschönen und seltenen Klassiker unter mein überaus sensibles Oldie-Testpiloten-Hinterteil zu nehmen und genüsslich über einsame Eifelsträßchen zu bewegen, ließ mein Morgan-Herz höher schlagen. Diese eleganten Karossen mit den „Suicide-Doors“ und der pfiffigen Dachkonstruktion habe ich schon immer bewundert und gern fotografiert. Aber nun sollte ich selbst eine fahren!

Das Familien-Schätzchen in der Garage

Das Familien-Schätzchen in der Garage

Allein die Historie dieses Familienwagens ist schon außergewöhnlich. Nicht so sehr, dass er bereits 1948 zugelassen wurde; dass er von einem Standard Spezial Motor angetrieben wird, der 1939 den Coventry-Climax-Motor ablöste; oder dass er über eingeprägte „Matching Numbers“ verfügt (Chassis Nummer 1737, Motornummer Q341E). Nein – noch vielmehr fasziniert mich die Art und Weise, wie er zu uns nach Deutschland und in den Besitz der Victors geriet.

Gefühlt schon immer war Karl Victor ein Morgan Fan, und seit 1974 fährt er den im Familienbesitz befindlichen Plus 8. Auch im Morgan Club ist er sehr engagiert und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sektion „UnMOGlich“. Aber Karl wollte mehr, und vor allem anderen interessierte ihn ein Drophead Coupé. Als er hörte, dass ein solches Fahrzeug in England zum Verkauf stehen sollte, fuhr er – wir schreiben das Jahr 1978 inmitten der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft – kurzentschlossen mit einem Freund rüber auf die Insel. Die fussballspezifische Geschichte ist allgemein bekannt: Deutschland schied in der Zwischenrunde aus; Argentinien wurde Weltmeister. Bleibt der Wagen.

Charakteristische Front

Charakteristische Front

Obwohl er damals erst 30 Jahre auf dem Buckel hatte, was für einen Morgan ja überhaupt kein nennenswertes Alter ist, fand Karl ihn in einem äußerst desolaten Zustand vor. Nicht einmal die Innenausstattung war komplett, doch immerhin fuhr er noch.

Aber wie das nun mal so ist, wenn ein suchender Morgianer sich etwas in den Kopf gesetzt hat: Gekauft hat er ihn spontan dann doch – für 2.550 Britische Pfund. Da er bei seinem überstürzten Aufbruch aus Deutschland jedoch völlig vergessen hatte, Geld mitzunehmen, musste er sich die erforderliche Summe bei den Eltern seines (englischen) Freundes borgen. Auf der Rückfahrt hat seine Neuerwerbung auf der Fähre wohl so erbarmungswürdig ausgesehen, dass Mitglieder des Bordpersonals sich des Oldies erbarmten und ihn erst einmal ordentlich reinigten. Ferner erschien der deutsche Zoll und verlangte noch einmal 577 DM (Rechnung vorhanden).

In seinem neuen Zuhause angekommen, wurde der jüngste Familienzuwachs zunächst einmal mit der angemessenen Aufmerksamkeit liebevoll restauriert. Immerhin lag sogar noch die ursprüngliche  Bedienungsanleitung vor. Der Holzwurm wurde vertrieben, die Innenausstattung komplettiert und hergerichtet, das Dach erneuert und das Blech wieder auf Vordermann gebracht. Das war vor nunmehr 38 Jahren. Seitdem ist er ein gern, wenn auch leider selten bewegtes Familienmitglied.

Marc bringt ihn ins Freie

Marc bringt ihn ins Freie

Im Jahr 2016 befindet sich der Wagen technisch immer noch in einem sehr guten Zustand. Der Motor wurde gerade komplett revidiert und wird schonend wieder eingefahren; der Kühler wurde jüngst ebenfalls erneuert; und der Wagen sieht so aus, wie ein Wagen trotz hingebungsvoller Pflege 38 Jahre nach der Restauration eben aussieht – mit leichten optischen Mängeln behaftet, befindet er sich im Klassifizierungs-Zustand 3 minus.

Weshalb ich das schreibe? Weil der Zahn der Zeit nicht nur an dem Wagen genagt hat, sondern auch an Karl Victor, der seine Morgan-Leidenschaft aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so ausleben kann wie in jüngeren Jahren. Und ein Plus 8 steht seit 42 Jahren ja auch noch in der Garage. Also möchte sich die Familie schweren Herzens von ihrem Drophead-Coupé trennen – und es in gute Hände geben! Selbstverständlich wird dabei auch ein gewisser Kaufpreis fällig… Viel wichtiger ist aber, dass es zu einem wirklich liebevollen und kompetenten neuen Besitzer kommt. Den Kontakt stelle ich bei Interesse gerne persönlich her.

Der Motor ist frisch revidiert

Der Motor ist frisch revidiert

Ach ja, der Fahrbericht! Karls Sohn Marc hatte mir die Geschichte des Autos erzählt und mich auch auf die technischen Besonderheiten hingewiesen, die bei einem Morgan aus diesem Baujahr so besonders nun auch wieder nicht sind: Das Moss-Getriebe ist natürlich unsynchronisiert, und an das Schaltschema wird man sich sicher auch gewöhnen müssen. Die Bremsen sind Seilzug-Trommelbremsen, die einen vorausschauenden Fahrstil empfehlen lassen. Eine Innenraum-Heizung suchen wir vergeblich – da hilft ein wärmender Wollpullover. Und außerdem lugte die Sonne ohnehin aus den Wolken hervor.

Flottes Landstraßentempo - kein Problem

Flottes Landstraßentempo – kein Problem

Zuerst einmal wollten wir ein schönes Photo-Shooting veranstalten, also ließ ich mich mit der Kamera zunächst auf dem Beifahrersitz nieder und mich von Marc durch die schönsten Eifelsträßchen kutschieren. Doch schon die Unterbringung meiner 194 cm nebst Kameraausrüstung dort auf dem Beifahrersitz erforderte einige Kompromisse im Hinblick auf meinen Komfort. Immerhin hatte ich bei geöffnetem Dach kein Problem mit der Kopffreiheit…

Fahrerlebnis in der Eifel

Fahrerlebnis in der Eifel

Der Wagen sprang spontan an; der kleine Motor mit seinen 39 PS beschleunigte das leichte (ohne uns 770 kg) Auto angemessen – selbst als es die Hügel hinaufging. Irgendwie machte der Wagen auf mich den Eindruck eines guten Kumpels, mit dem man „durch Dick und Dünn gehen“ – sorry: fahren kann. Das Fahrverhalten zeigte sich unproblematisch, und die Konstruktion wirkte recht solide. Nichts klapperte über Gebühr, nichts wirkte irgendwie anfällig oder instabil. Schnell fasste ich Vertrauen zu dem kleinen Kerl…

An einer idyllischen Straßenkehre stieg ich dann aus, um meine Fahrfotos zu schießen. Ein ums andere Mal fuhr Marc an mir vorbei, bis ich ihm endlich signalisierte, dass die Aufnahmen „im Kasten“ waren. Jetzt drängte es mich auf den Fahrersitz – schließlich sollte es ein persönlicher Fahrbericht werden. Natürlich hatte Marc mir gleich gesagt, dass das bei meiner Figur eng werden könnte… Aber da ich bis dato auf die eine oder andere Weise in alle Autos hineingekommen war, die ich chauffieren wollte, sah ich eigentlich auch hier keine Probleme. Doch schon beim Einfädeln des linken Beines merkte ich, dass es diesmal verdammt eng werden könnte.

Ich pass einfach nicht hinters Lenkrad

Ich pass einfach nicht hinters Lenkrad

Ich probierte wirklich alles – auch, mein linkes Bein um den Schaltstock des Rechtslenkers herum zu winden, um ihn zwischen die Knie zu nehmen. Doch völlig egal – was ich auch versuchte, es klappte nicht! Ein Bild für die Götter! Beim besten Willen und Vorsatz gelang mir nicht, mich hinter das Lenkrad zu zwängen…

Schließlich gab ich auf. Und als ich mich anschließend wieder auf dem Beifahrersitz platzierte, kam mir der so richtig komfortabel und geräumig vor. Marc mit seinen 175 Zentimetern hatte als Pilot sowieso keine Probleme, und so cruisten wir gemütlich ins pittoreske Eifelörtchen Monschau, das eine wirklich tolle Kulisse für die weiteren Fotos bot.

Was für eine Kulisse

Was für eine Kulisse

So wurde  aus meinem Fahrbericht voller Wehmut diesmal ein „Beifahrbericht“. Ungewohnt, aber insgesamt auch nicht unkomfortabel!

Original-Armaturen

Original-Armaturen