Landstraßen - das ideale Revier

Landstraßen – das ideale Revier

Plus 4 Super Sports Modelle haben bei Morgan eine lange Tradition – wie so viele Dinge. Morgan besteht eigentlich fast nur aus Tradition, aber diese spezielle ist nicht nur lang, sondern auch erfolgreich. Der erste Vertreter dieser Plus 4 Sondermodelle war der berühmte TOK 258, den Chris Lawrence erwarb. 1956 wurde er zugelassen – nur zwei Jahre nach dem Facelift des vierrädrigen Morgan. Mit diesem besonderen Wagen und Richard Shepherd-Barron an seiner Seite, gelang ihm 1962 bei den 24 Stunden von Le Mans der legendäre Sieg in der 2-Liter-Klasse.

Plakette und Gravur - Nummer 53 von 60

Plakette und Gravur – Nummer 53 von 60

Eigentlich hat sich seit 1956 überhaupt nicht viel geändert. Gut, der Super Sports von Chris Lawrence leistet – trotz Tuning – „nur“ 128 Pferdestärken, aber wir reden schließlich von 1956! Ullis Super Sports stammt aus dem Jahr 2012 und ist die Nummer 53 der „60th Anniversary Edition“, die – nomen est omen – auf 60 Exemplare limitiert wurde. Bei Morgan gibt es halt immer etwas zu feiern… Hier war der Anlass das 60-jährige Jubiläum der Plus 4-Modellreihe. Deutlich sichtbar durch eine Plakette am Armaturenbrett, eine Gravur auf dem Hupenknopf sowie einen Schriftzug im Kombi-Instrument.

Die Jubiläumsplakette

Die Jubiläumsplakette

Doch eine Plakette und eine Gravur machen noch lange keinen Sportwagen… Wie ernst es dem Werk mit dieser Idee aber war, zeigen zum einen das klassische Motortuning mit u.a. veränderten Drosselklappen und einem Sportauspuff, die aus dem 2-Liter Saugmotor 205 statt der serienmäßigen 145 PS zaubern und zum anderen ein geändertes Fahrwerk mit Versteifungen am Vorderwagen, einstellbaren Stoßdämpfern und einer verstärkten Bremsanlage.

Da wo TOW steht ist das Abschleppseil drunter

Da wo TOW steht ist das Abschleppseil drunter

Ganz Rennwagen - Abschleppseil griffbereit eingebaut

Ganz Rennwagen – Abschleppseil griffbereit eingebaut

Hinzu kommen alle Insignien eines klassischen Rennsportwagens wie Feuerlöschsystem, Überrollbügel, schwarze 15 Zoll Minilite-Felgen mit 3-flügeligem Zentralverschluss und 205/65er Semislick-Bereifung, Not-Aus-Schalter für die Bordelektrik und vieles mehr – von Stoppuhren, einem traditionellen 4-Speichen-Lenkrad bis hin zu perforierten Ledereinsätzen und einer dezenten neongelben „Kriegsbemalung“ auf der RAF-blauen Karosserie.

Die Stoppuhren für Rallye und Rundstrecke

Die Stoppuhren für Rallye und Rundstrecke

Ulli hat sich noch ein paar „Schmankerl“ dazu bestellt wie Scheibenbremsen an den Hinterrädern, Zusatzscheinwerfer und zwei Brooklands-Scheiben. Damit kann für den Renneinsatz die Frontscheibe mit ihren 4 Schrauben ausgetauscht und das Gewicht reduziert werden.

Eigentlich wurde der Wagen nur als Rechtslenker gebaut, und die 60 Exemplare sollten für die auf der Insel so beliebten Clubsport-Rennen reserviert sein. Aber natürlich lässt sich so ein Auto auch auf Linkslenker umrüsten und auf dem Kontinent für die Straße zulassen. So fanden einige dieser Renner den Weg auch nach Deutschland. Wie die Nummer 53.

Aber wir wollen ja fahren… Dankenswerterweise stellte Ulli uns den Wagen während der vergangenen „Classic Days auf Schloss Dyck“ zur Verfügung. Damit konnten wir nicht nur standesgemäß zwischen 60 anderen Morgan auf dem „Miscanthusfeld“ parken; wir hatten auch die Gelegenheit, ihn ausgiebig zu fahren.

Nach dem Platznehmen im Cockpit fallen zunächst zwei Dinge auf: Der dickere Lenkradkranz verdeckt einen Teil des Tachos, und um den Geschwindigkeitsbereich zwischen 80 und 120 km/h nicht nur abzuschätzen, sondern auch abzulesen, muss der Pilot den Kopf zur Seite neigen. Ferner wird das Blickfeld im zentralen Rückspiegel dadurch erschwert, dass der massive Überrollbügel die Fläche nahezu vollständig einnimmt.

Der Überrollbügel behindert die Sicht Sicht nach hinten

Der Überrollbügel behindert die Sicht Sicht nach hinten

Aber erstens zählt auf der Piste nur die Drehzahl und zweitens der freie Blick nach vorn, um die Ideallinie zu treffen…

Das Anlassen des Motors funktioniert bei diesem Boliden mittels eines Starterknopfes – zumindest, wenn man nicht vergessen hat, den Knauf des Not-Aus-Schalters vor der Beifahrerseite auf der Motorhaube aufzustecken und umzudrehen. Sonst tut sich nämlich gar nichts!

Vor dem Starten Strom einschalten

Vor dem Start Strom einschalten

Also – Gentlemen: Start your engine! Ein wenig lässt er sich schon bitten, bevor er leise sprotzelnd seinen Dienst aufnimmt. Bemerkenswert ist dabei vor allem das Ansauggeräusch, das nahezu ungefiltert nach innen gelangt.

Die Anfahrprozedur gelingt einfach und völlig unspektakulär. Das Mazda-Getriebe flutscht lässig durch die Gangkulisse, der Kupplungsweg ist kaum verändert und von einer Leistungsexplosion von immerhin 60 Mehr-PS zum Plus 4 ist zunächst nichts zu spüren.

Des Rätsels Lösung ist die Motorcharakteristik.

Das Kraftpaket

Das Kraftpaket

Der „normale“ Plus 4 von 2012 leistet 145 PS bei 6.050 Umdrehungen. Der Super Sports bringt 205 PS bei 6.100 Touren. Von daher müsste er also abgehen wie Schmidts Katze. Aber vergleicht man das Drehmoment, so fallen die Unterschiede marginal aus: 187 Nm bei 4.600 U/min gegenüber 187 Nm bei 4.500 U/min beim Plus 4.

Wo er die Leistung wirklich versteckt hat und wie man sie ihm entlockt, zeigt ein Blick auf den Drehzahlmesser: Wenn beim Plus 4 der rote Bereich bei 6.500 U/min zum Schalten mahnt, dreht der Super Sports lässig weiter und er bekommt so etwas wie seine zweite Luft.

Der rote Bereich beginnt bei 7700 Umdrehungen

Der rote Bereich beginnt bei 7700 Umdrehungen

Erst bei 7.700 Umdrehungen ist Schluss mit lustig. Aber im Zusammenspiel mit dem lang übersetzten 2. Gang zeigt der Tacho schon fast 120 km/h. Das heißt auf der Rennstrecke, aber auch auf kurvigen Landstraßen: Für eine zügige, schnelle Fortbewegung ist der 2. Gang die richtige Empfehlung. Gewürzt wird das Vergnügen durch eine einzigartige Geräuschkulisse, ein heiseres Konzert aus Ansaug- und Auspuffklängen; besonders intensiv zu erleben unter Brücken und Unterführungen. Dieses Geräusch birgt schon einen hohen Suchtfaktor.

Dagmar hatte beim Shooting das berühmte Dauergrinsen im Gesicht

Dagmar hatte beim Photo-Shooting das berühmte Dauergrinsen im Gesicht

Apropos Kurven – die gemeine Landstraßenkurve ist mit dem straffen Fahrwerk bei angewärmten Reifen kaum auszureizen. Das verbieten der Verstand und die Straßenverkehrsordnung. Aber gerade bei Autobahnauffahrten zeigt der Super Sports, was er kann und lässt so ziemlich alles hinter sich, was zwei, drei oder vier Räder hat…

Geringes Gewicht sorgt hier in kollegialer Zusammenarbeit mit dem tiefen Schwerpunkt, der mit dem Vierzylinder optimalen Gewichtsverteilung, dem sportlich abgestimmten Fahrwerk sowie den Renn-Gummis für ein Fahrerlebnis der besonderen Art. Jedenfalls reichte mein Mut nicht aus, um auch nur in die Nähe der Haftgrenze der Reifen zu kommen.

Aus allen Blickwinkeln eine Augenweide

Aus allen Blickwinkeln eine Augenweide

auch von vorn

… auch von vorn

Liebend gern würde ich den Super Sports einmal auf einer abgesperrten Piste mit veritablen Auslaufzonen fahren! Aber Spa, Zantvoort, Assen, Zolder, Hockenheim oder die Nordschleife sind leider zu weit weg für einen kurzen Abstecher. Wie sich diese Reifen allerdings bei Regen anfühlen, möchte ich nicht wirklich testen. Doch für uns strahlte die Sonne und wärmte den dunklen Asphalt auf gut und gerne 50 Grad. Ideale Voraussetzungen.

Lenkung und Bremsen boten das aus dem Plus 4 gewohnt sichere Gefühl – trotz der vier Scheiben und des fehlenden ABS.

Resümee: ein toller Motor, mit dem sich auch gemütlich bummeln lässt. Ein Fahrwerk, das über jeden Zweifel erhaben ist und dessen Grenzen sich nur auf abgesperrtem Gelände ausloten lassen.

Einfach nur ein schöner Anblick

Einfach nur ein schöner Anblick

Falls der eine oder andere Leser jetzt ein gewisses Kribbeln im Nacken verspüren und Appetit auf den Wagen haben sollte, stellen wir gern den Kontakt zu seinem derzeitigen Besitzer her. Denn der Super Sports ist nicht sein einziger Morgan – und er würde ihn eventuell sogar verkaufen… wenn das Angebot stimmt.

Der Hintergrund - Garzweiler II

Der Hintergrund Garzweiler II

 

 

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